Stephanuskirche

Die Baugeschichte

Die Kirche und das Gemeindehaus wurden nach Plänen des Berliner Architekten und Baurats Adolf Bürkner (1846-1932) in den Jahren 1902-1904 im neogotischen Stil mit roten Ziegeln erbaut. Der Grundriß der Kirche ähnelt einem griechischen Kreuz. Die Giebel des Lang- und Querhauses haben eine reiche Blenden- und Maßwerkgliederung. Im Osten befindet sich eine dreiseitige, eingezogene Apsis, der südöstlich eine kleine Sakristei angefügt ist. Das spitzbogige Westportal ist architektonisch besonders akzentuiert.

Quer- und Langhaus sind mit Satteldächern versehen. An der Prinzenallee / Ecke Soldiner Straße steht (im Südwesten) der quadratische, schlanke und mehrgeschossige Turm. In ihm hängen drei Stahlgußglocken aus dem Jahre 1904. Der Turm ist fast 80 Meter hoch, hat mächtige Eckpfeiler und auf allen Selten Schallöffnungen. Das Oberteil des Turmes ist achtseitig. Der mit Kupfer gedeckte Spitzheim wird durch ein drei Meter hohes Kreuz abgeschlossen.

Grundsteinlegung im Jahre 1902

Die Grundsteinlegung der Kirche erfolgte am Reformationstag, dem 31. Oktober 1902. Zwei Jahre später – am 4. Dezember 1904 – fand in Anwesenheit des Kaisers die Einweihung statt. Sie wurde durch den damaligen Generalsuperintendent Wilhelm Adolf Reinhold Feber (1845-1916) vorgenommen. Kaiserin Auguste Victoria, die „der Kirche den Namen ‚Stephanus-Kirche‘ gegeben hatte, war im letzten Augenblick durch Erkrankung ihrer Tochter an der Teilnahme verhindert …

Der Kaiser selbst aber hatte sich auch durch eine ihm tags zuvor durch den Polizeipräsidenten zugegangene Warnung vor einem anarchistischen Attentat nicht zurückhalten lassen.“ Die Kaiserin Auguste Victoria, von den Berlinern auch ,Kirchen-Juste‘ genannt, schenkte der Gemeinde zur Einweihung eine mit einer handschriftlichen Widmung versehene Altarbibel, die heute noch vorhanden ist.

Erweiterungen und der 2. Weltkrieg

In den Jahren 1927 und 1937 wurden an und in der Kirche Instandsetzungsarbeiten durchgeführt. So erfolgte z. B. im Jahre 1937 eine Sanierung des Turmes, bei der auch das Turmkreuz neu vergoldet wurde. Während des 2. Weltkrieges nahm auch die Stephanus-Kirche einigen Schaden. So wurden z. B. der Turm durchschossen und die Dachziegel fast völlig zerstört. Sämtliche buntbleiverglaste Fenster gingen zu Bruch, darunter auch das Mittelfenster des Altarraumes, das die Steinigung des Stephanus (5. Apostelgeschichte, Kapitel 7, Verse 54 ff.) zur Darstellung brachte.

Wiederaufbau und Restaurierung bis in die heutige Zeit

Bel einer Renovierung der Kirche im Jahre 1958 wurde „alles Zierwerk auf den Flächen im Kirchenschiff, die Bemalung der Kuppel und der Sternenhimmel Im Altarraum“ beseitigt. Die neun unter den Altarfenstern aufgemalten Bilder wurden übertüncht. Dank vieler Spenden konnten einige dieser Bilder bereits restauriert werden; so z. B. im Jahre 2004 die Darstellungen des Petrus Waldus und des Theodor Fliedner. Die Kirchengemeinde und der Kirchbauverein verfolgen u. a. das Ziel, alle Bilder des Altarraums wieder restaurieren zu lassen.

Die Ausstattung

Die Ausstattung stammt im Wesentlichen aus der Bauzeit der Kirche, die heute unter Denkmalschutz steht. Der Altaraufsatz zeigt Jesus Christus, der seine Hände zum Segen aufgebreitet hat. Diese Skulptur ist eine verkleinerte Nachbildung des „Segnenden Christus“, die der dänische Bildhauer Bertel Thorvaldsen (1768-1844) für die Frauenkirche in Kopenhagen schuf. Jesus Christus steht in einer neogotischen, spitzbogigen Öffnung bzw. Nische, die schmale Eckpfeiler und ein spitzbogiges Giebelfeld hat. An den Ecken des Altars sind Säulen angebracht. Der Altar ist – so auf seiner Rückseite lesbar – eine Stiftung von Paul Ljӱarun u. Carl Thieme 1904.

Die Apsis

An den Wänden des dreiseitigen Apsisraums waren bzw. sind rechteckige Porträtbilder aufgemalt. Sie zeigen (links beginnend) die Bilder von:

Bischof Ignatius von Antiochien (um 115)
Zählt zu den Apostolischen Vätern und war Bischof von Antiochien in Syrien, heute Antakya in der Osttürkei. Seine Gefangennahme und sein Märtyrertod fielen in die Regierungszeit des römischen Kaisers Trajan (98-117). Auf der Gefangenschaftsreise von Antiochien nach Rom verfasste Ignatius sechs Briefe u. a. an die Gemeinden in Ephesus, Rom und Smyrna. Sein Bild an der Apsiswand ist noch nicht restauriert.

Petrus Waldus (um 1206)
von Beruf Kaufmann, begründete um 1175 Im französischen Lyon eine Buß- und Armutsbewegung, Waldenser genannt, die z. B. den Eid und Kriegsdienst verweigerte bzw. ablehnte und von der katholischen Kirche verfolgt wurde. Das Petrus Waldus zeigende Bild ist bereits mit der Bildunterschrift restauriert: „Petrus Waldus // ano domini MCLX //“. Worauf diese Jahreszahl (1160) Bezug nimmt, muß hier leider ungeklärt bleiben.

Ulrich Zwingli (1484-1531)
wirkte in der Schweiz als Reformator. Sein Bild an der Altarwand ist noch nicht restauriert.

Kurfürst Friedrich Wilhelm (1620-1688),
auch der „Große Kurfürst“ genannt, ist u. a. durch sein „Edikt von Potsdam“ (1685) berühmt geworden, mit dem er französische, reformierte Glaubensflüchtlge (Hugenotten) nach Berlin-Brandenburg einlud. Das Potsdamer Edikt war ein Einladungs- und kein Toleranz-Edikt , das sich an die „Evangelisch-Reformirte(n) Glaubens-Genossen Frantzösischer Nation“ richtete. Seit 1613 war das Hohenzollernhaus dem reformierten Glauben verpflichtet. Das Bild von Kurfürst Friedrich Wilhelm an der Altarwand ist ebenfalls noch nicht restauriert.

Gustav Adolf II. (1611-1632),
König von Schweden, griff im Jahre 1630 in den 30jährigen Krieg ein, um den schwer bedrängten deutschen Protestantismus zu unterstützen. Das Porträt ist mit der Bildunterschrift restauriert: „Gustav Adolf // ano MDCXXXII //“
Diese Jahreszahl erinnert an seinen Tod: Er fiel (am 16. November) 1632 in einer Schlacht bei Lützen (südwestlich von Leipzig gelegen).

Friedrich Wilhelm I. (1713-1740)
war ein Enkel des „Großen Kurfürsten“ und seit dem 18. Januar 1701 König in Preußen. König Friedrich Wilhelm I. war – wie seine Amtsvorgänger – reformierten Glaubens. Mit einer Verfügung vom 2. Februar 1732 lud er „auf das heftigste bedrängte und verfolgte evangelische Glaubensverwandte“ im Salzburger Erzbistum in sein Herrschaftsgebiet ein. Sein Bild an der Altarwand ist noch nicht restauriert.

August Hermann Francke (1663-1727)
gründete im Jahre 1695 die Franckeschen Stiftungen in Halle (u. a. mit Waisenhaus, Schulen, Lehrerseminar, Apotheke und Buchdruckerei). Das Bild an der Altarwand bedarf ebenfalls noch der Restaurierung.

„Theodor Fliedner // ano MDCCCXXXVI //“. und „J. H. Wichern // ano MDCCCXXXXVIII //“

Theodor Fliedner (1800-1864)
war nach seiner Jugend und Studienzeit in Gießen und Göttingen ab 1822 (bis 1849) Pfarrer in Kaiserswerth und gründete dort im Jahre 1836 (darauf bezieht sich die Jahreszahl in der Bildunterschrift) das berühmt gewordene Diakonissen-Mutterhaus. Das Porträt von Theodor Fliedner wurde bereits mit der Bildunterschrift restauriert : „Theodor Fliedner // ano MDCCCXXXVI //“.

Johann Hinrich Wichern (1808-1881)
war nicht nur der Begründer der Inneren Mission, sondern gründete auch im Jahre 1833 das „Rauhe Haus“ in Hamburg-Norderstedt. Des weiteren gründete er 1858 das „Evangelische Johannesstift“, das sich zunächst in Berlin-Plötzensee befand und später in den Berlin-Spandauer Stadtwald umzog. Hier wurde zwischen 1907-1910 eine neue Anstalt erbaut. Außerdem erfand J. H. Wichern in Berlin den Adventskranz, der sich von hier aus als Brauch über den ganzen Erdball verbreitete. Andere vertreten die Meinung, dass J. H. Wichern den Adventskranz in Hamburg erfunden hat.

Das ihn zeigende Bild (einschließlich Bildunterschrift) an der Altarwand wurde, wie die Bildnisse von Petrus Waldus und Theodor Fliedner, von der Berliner Diplomrestauratorin Barbara Bettina Maske restauriert. Eine Dokumentation der Restaurierung hängt unter dem Bild.

Die zweite Bildunterschrift lautet : „J. H. Wichern // ano MDCCCXXXXVIII //“

Diese Jahreszahl (1848) erinnert an den Kirchentag in Wittenberg, auf dem J. H. Wichern am 22. September 1848 in der dortigen Schloßkirche eine sehr bekannt gewordene Rede zur Begründung der Inneren Mission gehalten hat. Er weckte „die evangelischen Kirchen Deutschlands aus dem Schlaf der Selbstgerechtigkeit. Seine Botschaft: Taten der Liebe sind wichtiger als schöne Worte. Heute ist die evangelische Kirche ohne Nächstenliebe und Diakonle nicht mehr denkbar: Wichern sei Dank!“ Einen Tag nach dieser Rede – am 23. September 1848 – erfolgte die Gründung des Centralausschusses für Innere Mission der deutschen evangelischen Kirche“.

Das Kirchenschiff

Es wird vom Altarraum, der drei Stufen erhöht liegt, durch einen breiten, spitzen Triumphbogen abgeteilt. An der rechten Seite des Bogens (auf den Stufen des Altarraums) steht die Kanzel. Sie hat einen steinernen Träger, der mit sechs Säulen versehen ist. Der polygonale Kanzelkorb, der Schalldeckel und der Kanzelaufgang sind aus Holz gefertigt. Die runde Steintaufe ist links vor den Stufen des Altarraums aufgestellt. Die Kuppa hat einen umlaufenden, eingemeißelten Schriftzug.

Dieser zitiert den Vers 14 aus dem Markusevangelium, Kapitel 10: „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht!“

Auf den Kapitellen der sechs Säulen im Kirchenschiff stehen steinerne Plastiken, die die folgenden Zeugen aus der Kirchengeschichte zur Darstellung bringen: den Apostel Paulus (über dem Taufstein) und den Apostel Petrus (über der Kanzel). Auf den Kapitellen der Säulen an der Nordwand befinden sich (rechts beginnend) der tschechische Reformator Jan Hus (ca. 1370-1415) und der Berliner Theologieprofessor und Pfarrer Friedrich Schleiermacher (1768-1834). Auf den Kapitellen der Säulen an der Südwand stehen (links beginnend) der Missionar Bonifatius (um 675-754) und der Reformator unserer Kirche, Martin Luther (1483-1546).

Der Sakralbau hat eine steinerne, umlaufende (vierseitige) Empore mit quadratischen Brüstungsfeldern. Auf der mittleren, im Westen gelegene Empore steht die Orgel, deren Aufstellung bemerkenswert ist: „Die Rückwand der Empore ist als Orgelkammer ausgebildet …, deren Anordnung und Maße dem logischen Aufbau des Instruments entsprechen. Die Kammer öffnet sich zum Kirchenraum in drei Bögen; im mittleren flankieren C- und Cis-Seite des 1. Manuals das dazwischen angeordnete Pedal, die beiden Schwellwerke sind in seitlichen Bögen platziert.“

Das Instrument ist das Werk der schlesischen „Orgelbau-Anstalt von Schlag & Söhne“. Oskar Schlag (1848-1918) war der Sohn des Gründers dieser „Orgelbau -Anstalt“, Christian Gottlob (1803-1869). Im Jahre 1869 übernahm Oskar Schlag gemeinsam mit seinem Bruder Theodor (1847-1912) die „Orgelbau-Anstalt“ im schlesischen Schweidnitz und gründete den Verein deutscher Orgelbaumeister.

Orgel und Beleuchtung

Die Orgel in der Stephanus-Kirche hat drei Manuale, 41 Register und Pedal. Sie erklang zum ersten Mal anlässlich der Einweihung der Kirche am 4. Dezember 1904. Auf ihr spielte seinerzeit Max Ast, der von 1904 bis 1934 der Gemeinde als Organist diente. In den Jahren 1970/71 wurde die Orgel elektrifiziert und erhielt einen neuen Spieltisch, der von der Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke geschaffen wurde. Der alte Spieltisch aus dem Jahre 1904 steht in der südwestlichen Ecke auf der Westempore.

In der Mitte des Kirchenschiffsgewölbes hängt ein Kronleuchter, der im Jahre 1904 von einem Schlosser aus Berlin-Wilmersdorf gebaut wurde. Der Kronleuchter hat den beeindruckenden Durchmesser von etwa acht Metern und verfügt über 100 Lampen. Vermutlich ist dieser Kronleuchter mit seinem Durchmesser singulär in Europa.

Vgl. zum Ganzen: Stephanus·Kirche zu Berlin-Wedding 1904 – 2004. Herausgegeben im Auftrag des Gemeindekirchenrats von Michael Glatter, Ingrid Radau, Raff Schmiedecke und Joachim Willems, Berlin 2004. Text entnommen aus: „Die Kirchen im Evangelischen Kirchenkreis Berlin Nord-Ost“ von Dr. theol. Hans-Joachim Beeskow, Heimat-Verlag Lübben 2010.Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Heimat-Verlag Lübben